Julia Malik

Julia Malik über Schaffensprozesse und den Drang zu Schreiben

Fotografie von Bella Liederberg.

Wer Julia Malik kennenlernt, wird Probleme haben, sie in eine Box einzusortieren. Und das ist auch gut so. Schauspielerin, Geigerin und Autorin ihres bereits zweiten Romans Ich will dich lebend, der im September erscheint. Malik arbeitet multidisziplinär, setzt ihrem kreativen Output keine Grenzen. Was sie daran reizt, immer wieder verschiedene Disziplinen auszuprobieren, sei die Neugierde. Malik wurde zunächst als Schauspielerin bekannt, sie spielte viel Theater, aber auch Hauptrollen in Filmen und Serien wie Verliebt in Berlin, SOKO Köln und Tatort. Beruflich stand das Schreiben lange wenig im Vordergrund, dabei habe sie schon immer geschrieben. Bereits als Kind, später als Jugendliche viel mehr. Was sie immer davon abgehalten hat, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren, war die Tatsache, dass der professionelle Hintergrund fehlte. Malik studiere als gebürtige Berlinerin zunächst Schauspiel und Musik in Hamburg, widmete sich den Theaterbühnen und Fernsehproduktionen. Ihr habe der Mut gefehlt, sich an eine Karriere als Schriftstellerin heranzutrauen. Der Wunsch danach blieb: nachdem sie zunächst als Magazin-Autorin das Schreiben wieder aufnahm, wurde ihr schnell klar, dass sie Geschichten erzählen wolle.

LILLY WETZEL Schauspielerin, Geigerin, Sängerin und jetzt als Autorin die zweite Romanveröffentlichung: Du arbeitest multidisziplinär. Woher kam der Wunsch zu schreiben?

JULIA MALIK Ich habe immer schon viel gelesen und geschrieben, bereits als Kind und dann als Jugendliche noch mehr. Ich war neugierig, andere Leben zu leben, in andere Welten einzutauchen und andere Gedanken nachzuvollziehen. Ich glaube, mein Wunsch zu schreiben kommt aus dem tiefen Bedürfnis, zu verstehen. Ich dachte aber, dass ich es nicht darf, weil ich keine Ausbildung darin hatte. Die Idee, schreiben zu studieren kam mir gar nicht. Und dass man es beruflich machen könnte, ohne es gelernt zu haben, darauf kam ich auch nicht. Ich dachte, ich müsste etwas studieren und das dann machen. Ich habe dann also immer nebenher und für mich allein geschrieben.

LW Was hat dich dazu bewegt, dich von dieser Vorstellung loszulösen und dich aufs Schreiben zu konzentrieren?

JM Das entstand aus einem banalen Grund: meine Tochter kam zu Schule, und ich konnte nicht mehr Theater spielen, wie ich es vorher gemacht hatte. Ich bin alleinerziehend und hatte die Kinder immer in den Kindergarten der jeweiligen Stadt gebracht, in denen ich Theater gespielt habe. Zum Drehen hatte ich sie auch mitgenommen. Das ging plötzlich alles nicht mehr. Dann bekam ich das Angebot, für ein Online-Magazin zu schreiben. Es fiel mir leicht und machte Spaß, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich eigentlich Geschichten erzählen möchte.

LW Worin besteht für dich der Reiz, zwischen verschiedenen Disziplinen oder Ausdrucksformen, sei es performativ oder erzählerisch, zu wechseln?

JM Es ist ehrlich gesagt ein bisschen wie Eins: Wenn man spielt, erzählt man ja auch Dinge, man schreibt sozusagen mit dem Körper und der Stimme. Und im Roman spiele ich auch, betrete neue Räume und Figuren. Und meine Neugierde bleibt, momentan versuche ich mich wieder in einer neuen Kunstrichtung und mache Kollagen, außerdem kommt meine Leidenschaft fürs Sticken wieder – es bleibt ein Ausprobieren, glaube ich.

LW Inwiefern inspirieren sich diese verschiedenen kreativen Prozesse gegenseitig?

JM Im Großen beflügeln sie sich total. Durchs Spielen kann ich psychologisch tief in Figuren und Situationen einsteigen. Schauspielerinnen sind es glaube ich, gewohnt, sich schnell irgendwo hineinzufühlen. Und durchs Schreiben beobachte ich andere Menschen, eigentlich noch radikaler, was ja für die Schauspielerei auch essentiell ist. In der Musik wiederum lasse ich mich sehr aufs die verschiedenen Stimmen der ganzen Band ein, was mir auch fürs Schreiben hilft.

Fotografie von Bella Liederberg.

LW Funktioniert das? Insbesondere in einer trubeligen Stadt wie Berlin, schaffst du es dir auch in solchen Situationen die Ruhe zu nehmen, um zu schreiben?

JM Manchmal ist bei mir echt sehr viel los, aber das wäre in jeder Stadt so, alleinerziehend mit zwei Kindern und Arbeit– vor allem, als ich das erste Buch geschrieben hab und sie noch klein waren, da blieb wenig Ruhe. Dann merkte ich aber: Ich muss das jetzt schreiben, es will geschrieben werden. Ich habe die Sätze im Kopf und will sie aufschreiben. Aber es gab keinen Raum! Dann habe ich teilweise bei der LPG in der Spielecke oder am Schwimmbadrand neben dem Kinderbecken geschrieben. Immer, wenn die Kinder beschäftigt waren. Meistens natürlich, wenn sie geschlafen haben oder in der Kita waren. Was ich damit sagen will: Wenn du unbedingt schreiben willst, musst du dir den Raum und die Konzentration nehmen, auch wenn keiner da ist. Inzwischen habe ich mir sehr feste Arbeitszeiten organisiert.

LW Wie findest du deine Themen und Charaktere? Dienen bekannte Menschen als Inspiration oder ist alles rein fiktiv?

JM Das ist ganz unterschiedlich, zuerst taucht bei mir eine Art Störgeräusche für eine bestimmte Situation auf. Ich merke, irgendwas stimmt nicht und ich will herauskriegen, was es ist. Und dann schwingt so ein Gefühl für eine Figur mit, die darin steckt. Manchmal schmilzt sie beim Schreiben aus drei, vier Figuren zu einer neuen zusammen. Oder es ist ein bestimmtes Detail, eine Bewegung, die aus mir selbst herauskommt und mich näher zu einer Figur führt. Der Prozess des Kennenlernens ist wie bei einem echten Menschen eine aufregende Suche. Die beiden Hauptfiguren in Ich will dich lebend sind ganz neue Figuren, die ich nicht kannte, mit Berufen, die ich recherchiert, und Leben, die ich erarbeitet habe, aber in ihrem Inneren haben beide auch etwas von mir.

LW Dein neues Buch Ich will dich lebend erscheint sechs Jahre nach deinem Debütroman. Wie lange hast du an dem Buch geschrieben und worin unterschied sich der Schreibprozess im Vergleich zu deinem ersten Roman?

JM Das war ein riesiger Unterschied. Ich habe sechs Jahre daran gearbeitet, aber nicht durchgehend. Ich habe direkt nach Brauch Blau, im ersten Lockdown angefangen zu schreiben. Im Lockdown hatte ich aber auch zwei Homeschool-pflichtige Kinder, und musste vieles erstmal ruhen lassen. Danach habe ich im Ausland gedreht und die Kinder mitgenommen. Ich musste also immer wieder rein- und rausgehen. Erst, als ich das großartige Arbeitsstipendium für Literatur vom Berliner Senat bekam, konnte ich 2023 und 2024 komplett am Buch arbeiten. Ich habe mich viel gründlicher mit der Perspektive, der Struktur, den Figuren und den Dialogen beschäftigt als beim ersten Roman.

LW Zentrale Thematiken in deinen Büchern sind starke weibliche Figuren, Gewalt, Rollenkonflikte, der Weg zur Selbstermächtigung. Möchtest du mit deinen Büchern dazu anregen, befreiende Schritte zu gehen, deinen LeserInnen etwas mitgeben?

JM Ja, aber ich glaube, das ist der zweite Schritt. Es ist weniger aktivistisch. Zuerst mal will ich herausfinden, was in diesen für uns verborgenen Räumen geschieht. Ich brauche die Rüstung der Figuren und der Sprache, um in diese Themen reinzugehen. Ich will nicht nur auf diese Konflikte aufmerksam machen. Bei Ich will dich lebend will davon berichten, was hinter den geschlossenen Türen passiert. Warum man da nicht so leicht raus kann.  Diese Dinge geschehen, warum schauen wir nicht hin?