Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026. Hinter dem Titel steht eine größere Idee: Design soll nicht länger nur Produkte, Räume und Bilder gestalten, sondern gesellschaftliche Veränderung ermöglichen. Ein Experiment, das weit über die Designbranche hinausweist.
Wir sprechen ständig davon, dass sich unsere Gesellschaft verändern muss. Die Städte sollen lebenswerter werden, die Verwaltung bürgernäher, die Wirtschaft nachhaltiger, die Demokratie widerstandsfähiger. Kaum eine politische Rede kommt ohne das Versprechen einer Transformation aus. Aber erstaunlich selten sprechen wir darüber, wie diese Veränderung eigentlich gestaltet werden soll. Dabei steckt in diesem Wort bereits eine Antwort.
Gestaltung ist nicht nur das, was geschieht, wenn ein Produkt eine Form annimmt, ein Gebäude entworfen wird oder eine visuelle Identität entwickelt wird. Gestaltung bedeutet, Möglichkeiten zu erkennen, Alternativen zu entwerfen und Entscheidungen darüber zu treffen, wie wir leben wollen. Sie ist damit weit mehr als nur eine ästhetische Disziplin. Sie ist eine gesellschaftliche Kompetenz.
Frankfurt RheinMain ist in diesem Jahr World Design Capital. Zum ersten Mal trägt eine deutsche Region den Titel, den die World Design Organization alle zwei Jahre vergibt. Das Motto lautet Design for Democracy. Atmospheres for a better life. Es ist ein bemerkenswerter Anspruch. Denn Demokratie und Design werden gewöhnlich in unterschiedlichen Zusammenhängen verhandelt. Hier die Politik mit ihren Institutionen, Gesetzen und Verfahren. Dort die Gestaltung mit ihren Produkten, Räumen und Bildern. Doch diese Trennung ist künstlicher, als sie zunächst erscheint.
Jede Gesellschaft ist gestaltet. Die Frage ist nur, von wem, für wen und nach welchen Vorstellungen. Ein öffentlicher Platz kann Begegnungen ermöglichen oder verhindern. Eine digitale Verwaltungsleistung kann Menschen einbeziehen oder ausschließen. Die Organisation des Verkehrs entscheidet darüber, wem eine Stadt gehört. Selbst die Gestaltung eines Formulars bestimmt, wie zugänglich der Staat für seine Bürger ist. Das sind keine nebensächlichen Fragen der Form. Es sind Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe. Und genau hier liegt die eigentliche Bedeutung der World Design Capital 2026.
Eine Region als Experiment
Frankfurt RheinMain ist für dieses Vorhaben ein interessanter Ort. Die Region besitzt kein eindeutiges Zentrum, jedenfalls keines, das alle anderen Städte kulturell und gesellschaftlich selbstverständlich auf sich ausrichtet. Frankfurt ist Finanzmetropole, Darmstadt Wissenschaftsstadt, Offenbach ein traditionsreicher Standort der Gestaltung, Wiesbaden Landeshauptstadt. Dazu kommen Hanau, Bad Homburg und zahlreiche weitere Kommunen mit eigenen Identitäten und Interessen. Diese Vielfalt ist eine Stärke, aber auch eine Herausforderung. Wie entwickelt eine Region, die aus so unterschiedlichen Orten besteht, ein gemeinsames Verständnis ihrer Zukunft?
Die World Design Capital versucht darauf eine ungewöhnliche Antwort zu geben: nicht durch ein einzelnes Großereignis, sondern durch ein Netzwerk aus Projekten, Institutionen und Menschen. Rund 450 Projekte und bis zu 2.000 Veranstaltungen sind für das Jahr vorgesehen. Ausstellungen, Konferenzen, Festivals, Workshops und Interventionen im öffentlichen Raum verteilen sich über die gesamte Metropolregion. Ein mobiler Pavillon brachte das Programm in verschiedene Städte. Die Open Design Week im Juni machte die gestalterische Vielfalt der Region sichtbar.
Das ist mehr als die übliche Dramaturgie eines Kulturjahres, das auf wenige spektakuläre Höhepunkte setzt. Der dezentrale Ansatz entspricht vielmehr dem Gegenstand selbst. Wenn Design gesellschaftliche Beteiligung ermöglichen soll, kann es nicht ausschließlich in Museen, Konferenzsälen und unter Fachleuten stattfinden. Es muss dorthin gelangen, wo Menschen ihren Alltag organisieren.
Natürlich birgt diese Offenheit ein Risiko. Ein breit aufgestelltes Programm ist schwerer zu vermitteln als ein ikonisches Gebäude oder eine international vermarktete Ausstellung. Nicht jedes Projekt wird über die eigene Kommune hinaus Aufmerksamkeit erzeugen. Doch Sichtbarkeit allein ist kein hinreichender Maßstab für gesellschaftliche Wirkung. Ein verändertes Verwaltungsverfahren kann langfristig bedeutsamer sein als eine Ausstellung mit hohen Besucherzahlen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob jedes Projekt überregional wahrgenommen wird. Sondern ob aus einzelnen Experimenten Veränderungen entstehen, die bleiben.
Wenn Gestaltung politisch wird
Was das konkret bedeuten kann, zeigen Projekte, die zunächst wenig mit dem klassischen Verständnis von Design zu tun haben. In Wiesbaden gehört ein Superblock-Vorhaben zum Programm. Die Idee, bekannt unter anderem aus Barcelona, besteht darin, den öffentlichen Raum neu zu verteilen: weniger Dominanz des Autoverkehrs, mehr Möglichkeiten für Aufenthalt, Begegnung und andere Formen der Mobilität. Ein solches Projekt ist nicht nur eine verkehrsplanerische Maßnahme. Es stellt die Frage, wem öffentlicher Raum zur Verfügung stehen soll und welche Interessen bei seiner Gestaltung Vorrang erhalten.
Ähnlich verhält es sich mit Main-Light, einem Projekt zur nachhaltigen Straßenbeleuchtung. Was zunächst wie eine technische Aufgabe erscheint, berührt Fragen des Energieverbrauchs, der Sicherheit, der Aufenthaltsqualität und des nächtlichen Stadtbildes. Beide Beispiele zeigen, wie weit sich der Designbegriff inzwischen geöffnet hat. Design bedeutet hier nicht, eine bestehende Lösung attraktiver zu machen. Es beginnt früher: bei der Frage, ob das Problem überhaupt richtig beschrieben wurde. Gerade darin liegt seine politische Dimension.
Demokratische Gesellschaften müssen unterschiedliche Interessen miteinander vereinbaren. Design kann diese Aushandlung nicht ersetzen. Aber es kann helfen, Alternativen sichtbar, komplexe Zusammenhänge verständlich und mögliche Lösungen erprobbar zu machen. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Gestaltung und bloßer Verschönerung. Eine schöne Stadt ist nicht automatisch eine gerechte Stadt. Ein benutzerfreundlicher digitaler Service ist noch kein Beweis für eine gute Verwaltung. Und ein Beteiligungsworkshop garantiert keineswegs, dass die Beteiligten am Ende tatsächlich Einfluss auf eine Entscheidung haben.
Wer Design als demokratische Praxis begreift, muss deshalb auch über Macht sprechen: Wer formuliert die Aufgabe? Wer darf mitentscheiden? Wessen Bedürfnisse werden berücksichtigt? Und wer trägt die Folgen? Das sind unbequeme Fragen. Aber gerade deshalb sind sie notwendig.
Die Verantwortung des Designs
Die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts war eng mit der Vorstellung verbunden, durch Gestaltung eine bessere Gesellschaft schaffen zu können. Das Bauhaus wollte Kunst, Handwerk und industrielle Produktion neu miteinander verbinden. Die Hochschule für Gestaltung Ulm entwickelte nach dem Zweiten Weltkrieg einen rationalen, gesellschaftlich verantwortlichen Gestaltungsansatz. In beiden Fällen ging es um weit mehr als nur um einen bestimmten Stil.
Design sollte dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Mensch, Technik und Gesellschaft neu zu ordnen. Dieser Anspruch ist keineswegs überholt. Er hat unter den gegenwärtigen Bedingungen an Dringlichkeit gewonnen. Digitale Plattformen gestalten heute unsere Aufmerksamkeit. Algorithmen beeinflussen, welche Informationen wir erhalten. Künstliche Intelligenz verändert Arbeitsprozesse und Entscheidungsstrukturen. Städte müssen sich an den Klimawandel anpassen, während demokratische Institutionen vielerorts um Vertrauen ringen.
All das sind auch Gestaltungsfragen. Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass Designer diese Probleme allein lösen könnten. Gestaltung ist kein Ersatz für politische Verantwortung, wissenschaftliche Erkenntnis oder demokratische Legitimation. Ihre besondere Stärke liegt vielmehr darin, unterschiedliche Wissensbereiche zusammenzuführen und abstrakte Ziele in konkrete Möglichkeiten zu übersetzen. Das setzt voraus, dass Design seine eigene Rolle kritisch betrachtet. Nicht jede Innovation ist gesellschaftlicher Fortschritt. Nicht jede effizientere Lösung ist gerechter. Und nicht alles, was sich gestalten lässt, sollte allein denjenigen überlassen werden, die über die technischen Mittel dazu verfügen. Die gesellschaftliche Bedeutung von Design wächst deshalb nicht automatisch mit seinem Einfluss. Sie wächst mit der Verantwortung, die es für diesen Einfluss übernimmt.
Was nach 2026 bleiben muss
Ob Frankfurt RheinMain mit seiner World Design Capital langfristig erfolgreich sein wird, lässt sich im Oktober noch nicht abschließend beurteilen. Das Jahr ist noch nicht vorbei. Vor allem aber entscheidet sich seine Wirkung nicht allein innerhalb der zwölf Monate, für die der Titel vergeben wurde. Ein wichtiger Schritt steht im November bevor. Vom 11. bis 14. November finden die Design Policy Days in Wiesbaden, Offenbach und Frankfurt statt. Sie widmen sich der Frage, wie Design in Verwaltung, Gesellschaft und politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden kann. Dabei geht es um sehr konkrete Themen: Wie lassen sich öffentliche Dienstleistungen bürgernäher gestalten? Welche Verantwortung trägt Design im gesellschaftlichen Raum? Und unter welchen Voraussetzungen kann Gestaltung Teil politischer Entscheidungsprozesse werden?
Den Abschluss bildet am 14. November eine Versammlung in der Frankfurter Paulskirche. Der Ort ist gut gewählt. Hier trat 1848 die erste gesamtdeutsche Nationalversammlung zusammen. Die Paulskirche steht für den Versuch, politische Zukunft durch öffentliche Debatte, Repräsentation und gemeinsame Regeln zu gestalten. Es wäre vermessen, eine Designkonferenz mit diesem historischen Ereignis gleichzusetzen. Aber die Wahl des Ortes erinnert daran, dass demokratische Institutionen nicht einfach vorhanden sind. Sie werden geschaffen, weiterentwickelt und müssen sich immer wieder neu bewähren.
Im Mittelpunkt der Design Policy Days steht deshalb zu Recht der Design Action Plan Frankfurt RheinMain. Er soll die Erfahrungen des Jahres in eine längerfristige Perspektive überführen. Design soll nicht nur als kulturelle Aktivität sichtbar bleiben, sondern als Methode in Politik, Verwaltung und regionaler Entwicklung verankert werden. Vorgesehen sind unter anderem Ansätze für dauerhafte Strukturen, neue Formen der Zusammenarbeit und eine stärkere Einbindung gestalterischer Kompetenz in öffentliche Entscheidungsprozesse.
Darin liegt eine große Chance. Allerdings wird sich die Qualität dieses Plans nicht daran messen lassen, wie überzeugend er formuliert ist. Entscheidend wird sein, ob Kommunen Verantwortung übernehmen, Institutionen dauerhaft zusammenarbeiten, Mittel bereitgestellt werden und sich konkrete Verbesserungen nachweisen lassen. Eine Absichtserklärung ist noch keine Veränderung. Wenn es aber gelingt, aus zeitlich begrenzten Projekten dauerhafte Verfahren und Kompetenzen zu entwickeln, könnte Frankfurt RheinMain etwas schaffen, das weit über den Titel World Design Capital hinausreicht. Die Region könnte zeigen, dass Design nicht erst dann relevant wird, wenn politische Entscheidungen getroffen sind, sondern bereits bei der Entwicklung dieser Entscheidungen eine Rolle spielen kann.
Mehr als ein Titel
Deutschland besitzt eine bemerkenswerte Designtradition, eine international erfolgreiche Industrie und eine vielfältige Hochschul- und Kulturlandschaft. Dennoch wird Gestaltung in der öffentlichen Debatte häufig auf Ästhetik, Markenführung oder wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit reduziert. Das ist zu wenig. Denn die Frage, wie wir künftig leben wollen, lässt sich nicht allein mit politischen Programmen oder technologischen Innovationen beantworten. Sie verlangt auch die Fähigkeit, sich andere Zustände vorzustellen und Wege dorthin zu entwickeln. Genau das kann Design leisten. Dass die World Design Capital 2026 diesen Gedanken unter dem Motto „Design for Democracy“ stellt, ist deshalb mehr als eine kluge programmatische Entscheidung. Es ist ein Versuch, der Disziplin die gesellschaftliche Verantwortung zurückzugeben, die ihr in ihrer Geschichte immer wieder angelegt wurde.
Der German Design Council begleitet das Jahr mit eigenen Initiativen und Kooperationen. Als Gründungsmitglied der World Design Organization steht er in einer Tradition, die Design nicht nur als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor, sondern auch als Instrument gesellschaftlicher Entwicklung versteht. Diese Perspektive verdient gerade heute Aufmerksamkeit. Nicht weil Gestaltung politische Konflikte auflösen könnte. Sondern weil sie helfen kann, Möglichkeiten sichtbar zu machen, wo Debatten sich häufig auf die Verwaltung bestehender Probleme beschränken.
Frankfurt RheinMain bietet dafür 2026 ein Experimentierfeld. Die Projekte sind unterschiedlich, ihre Wirkung wird sich nicht überall gleichermaßen einstellen, und manches wird nach dem Ende des Jahres wieder verschwinden. Das gehört zu einem ernsthaften Experiment. Die entscheidende Leistung wäre nicht, ein weiteres erfolgreiches Kulturjahr organisiert zu haben. Sie bestünde darin, die Vorstellung zu verändern, was Design in einer demokratischen Gesellschaft bewirken kann.
Am Ende geht es deshalb um mehr als die Zukunft einer Region oder den Erfolg eines internationalen Titels. Es geht um eine grundsätzliche Frage: Begreifen wir die Zukunft als etwas, das auf uns zukommt – oder als etwas, das wir gemeinsam gestalten können? Frankfurt RheinMain hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Ob daraus eine dauerhafte Praxis wird, muss sich erst zeigen. Aber schon der Versuch, Design aus der Welt der Objekte in die Mitte gesellschaftlicher Entscheidungen zu holen, verdient Beachtung. Denn Demokratie ist nicht nur eine Ordnung, die es zu verteidigen gilt. Sie ist auch eine Aufgabe, die immer wieder neu gestaltet werden muss.
Christian Bracht ist Herausgeber von SLEEK und Mitglied des Präsidiums des German Design Council.
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