Der Nachtportier (1974). Embassy Pictures.
Es gibt bestimmte Schauspielerinnen, die als “America's Sweetheart” bezeichnet werden - Charlotte Rampling ist keine von ihnen. Anstelle von “Wohlfühlfilmen” wählt sie oft düstere Dramen, die eine unbequeme und unangenehme Seite der menschlichen Natur zeigen. Ihre Rollen sind zu beunruhigend, um “sympathisch” zu sein, aber ihre Leistungen sind unvergesslich. Es ist also keine Überraschung, dass die Berlinale ehrt den fünf Jahrzehnte alten Filmveteranen mit einem Goldenen Ehrenbären bei der diesjährigen Ausgabe des Filmfestivals
Die in Großbritannien geborene Schauspielerin begann als Fotomodell und wurde zur Lieblingsmuse des Fotografen Helmut Newton, der dafür berühmt ist, Frauen als gleichermaßen stark und sexuell zu porträtieren. Ihren ersten großen Durchbruch hatte Rampling im italienischen Kino als Elisabeth Thallman, die Frau eines deutschen Geschäftsmannes aus der Nazizeit, die in ein Konzentrationslager geschickt wird, in Luchino Viscontis Die Verdammten (1969), der die Gier, Dekadenz und Verderbtheit im Deutschland der Vorkriegszeit thematisierte. Für einen Großteil der Welt war dies der Einstieg in Ramplings unverwechselbares Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen und ihren Kapuzenaugen, die mit ihrem ausdrucksstarken Schweigen Szenen stehlen sollten.
Ihre wohl umstrittenste Rolle hatte sie Mitte der 70er Jahre in dem erotischen Psychodrama Der Nachtportier (1974). In diesem Film spielt Rampling erneut eine KZ-Häftlingin, lässt sich aber auf eine sadomasochistische Beziehung mit einem SS-Arzt ein, die sich nach dem Krieg fortsetzt, als sie sich wiedersehen. In der kultigen Kabarettnummer “Wenn ich mir was wünchen dürfte” trägt sie Strapse und eine Nazimütze. Die auffällige (und komplizierte) Formensprache dieses Moments inspirierte später eine Vielzahl von Künstlern und Designern, darunter Marc Jacobs, Raf Simons und Tom Ford sowie die Punk-Legende Siouxsie Sioux.
Die 80er Jahre brachten einen Übergang zum amerikanischen Mainstream-Kino mit Woody Allens Sternenstaub-Erinnerungen (1980), in dem Rampling als eine von Allens stürmischen Ex-Geliebten auftrat und die Vorstellung von einer “idealen Frau” widerlegte. Außerdem spielte sie neben Paul Newman in Das Urteil (1982) als Femme fatale, die einen alkoholkranken Anwalt verführen und betrügen soll, der einen Fall von ärztlichem Kunstfehler zu verteidigen versucht. Einer ihrer bizarreren Filme entstand 1986 mit Nagisa Oshimas überraschend ernstem, Max mon amour, in dem Rampling die Frau eines Diplomaten spielt, die sich einen Schimpansen zum Liebhaber nimmt.
Ramplings Karriere hat im Laufe der Jahre nicht nachgelassen. Im neuen Jahrtausend fand sie sich erneut in der Rolle der Muse wieder, diesmal jedoch für den Regisseur François Ozon, der die Schauspielerin in ihren späten Fünfzigern zu Preisnominierungen mit Filmen wie Unter dem Sand (2000) und Schwimmbad (2003). Auch vor subversiven erotischen Rollen hat sie nicht zurückgeschreckt: 2005 spielte sie eine Sextouristin in Laurent Cantets Film Vers le sud. Obwohl ihre Model-Figur in ihrer frühen Karriere ein großer Vorteil war, geht ihr Sexsymbol-Status über die Haut hinaus und liegt irgendwo in dem hypnotischen Blick ihrer hellen Augen, die zwischen Grau, Grün und Blau wechseln.
Weitere Informationen über die diesjährige HOMAGE und den Goldenen Ehrenbären für Charlotte Rampling finden Sie auf der Website der Berlinale hier.
Alle Bilder wurden von der Berlinale zur Verfügung gestellt.