Let Us Believe in the Dawn of Spring, Anahita Sadighi Galerie. Alle photos: Roman März
Es ist Frühling in Berlin, und während wir alle unsere vom Winter erblassten Gesichter der Wärme der Sonne zuwenden, genießen wir den Übergang in die neue Jahreszeit - eine Zeit des Neuanfangs, der Wiedergeburt und der Freude. Die Galeristin Anahita Sadighi teilt mit uns den Impuls ihrer aktuellen Ausstellung und wie sie Kunst als eine Art Membran für Gemeinschaft, Feierlichkeit und Schönheit nutzt, während sie uns daran erinnert, dass wir inmitten des Chaos der Welt sinnliche Wesen sind, die den Frühlingsanfang erleben.
Mit dem Frühling beginnt in vielen Kulturen ein neuer Zyklus. In der persischen Tradition markiert Norouz, das Neujahrsfest zur Tag-und-Nacht-Gleiche, diesen Moment der Erneuerung. Es ist ein Fest, das den Übergang vom Winter zum Frühling feiert und damit die zyklische Wiederkehr von Wachstum, Licht und Leben. Norouz steht für Neubeginn, für Leben. Hoffnung ist im Moment weniger eine Stimmung als eine Entscheidung: das Leben, so gut es geht, in den Vordergrund zu stellen.
Die Gruppenausstellung Let Us Believe in the Dawn of Spring greift diese Idee auf. Sie vereint künstlerische Arbeiten, die sich mit kultureller Erinnerung, Ritual und dem Zusammenspiel von Raum, Licht und Wahrnehmung auseinandersetzen. Ausgangspunkt bildet das persische Neujahrsfest Norouz, das traditionell mit dem Haft-Sin begangen wird - einer Anordnung symbolischer Elemente, die für Neubeginn, Wachstum und die zyklische Erneuerung des Lebens stehen.
Diese versammeln sieben Elemente, deren Namen mit dem persischen Buchstaben S beginnen: sabzeh (gekeimte Pflanzen) als Zeichen von Wiedergeburt und Wachstum, sib (Apfel) für Schönheit und Gesundheit, sir (Knoblauch) für Schutz, serkeh (Essig) für Geduld, samanu (süßer Weizenpudding) für Fruchtbarkeit und Wohlstand, senjed (Mehlbeere) für Liebe und somāq (Sumach) für den Sonnenaufgang und den Beginn eines neuen Zyklus.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine zeitgenössische Interpretation dieses Rituals. In Zeiten zunehmender Repression, Krieg und gesellschaftlicher Umbrüche wird kulturelle Praxis zu einem Raum der Selbstbehauptung, in dem Würde, Poesie und Lebenswillen bewahrt werden. Gleichzeitig wird das Ritual hier nicht als statisches kulturelles Erbe verstanden, sondern als offene Form, die sich in der Gegenwart weiterentwickelt und in einen Dialog mit anderen künstlerischen Positionen und kulturellen Perspektiven tritt.
Die florale Künstlerin Gaja Vicic übersetzt das Haft-Sin-Ritual in eine räumliche Installation aus Pflanzen, Farben und symbolischen Elementen. Äpfel, Knoblauch und Sumach strukturieren die Installation in zwei kontrastierende Landschaften. Die eine erinnert an einen Frühlingsgarten der Erneuerung, während sich die andere als spiralförmige Form am Boden entfaltet. In der persischen Tradition symbolisiert Sumach den Sonnenaufgang und die Rückkehr des Lichts - ein Bild für die zyklische Bewegung von Dunkelheit und Neubeginn.
Die Skulptur von Caique Tizzi erweitert diese räumliche Situation um eine kulinarische Dimension. Seine Arbeit mit Lavashak - Fruchtleder - verweist auf Gastfreundschaft und gemeinschaftliches Teilen, das in vielen Norouz-Ritualen eine zentrale Rolle spielt. Zwischen Skulptur und Intervention entsteht eine sinnliche Ebene, in der Geschmack, Materialität und kulturelle Erinnerung miteinander verbunden werden.
Auch die weiteren Positionen der Ausstellung bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Arbeiten von Dieter Detzner untersuchen Raum, Licht und Reflexion, während die fotografische Serie Light Upon Light von Ghazaleh Rezaei die Fragilität kultureller Überlieferung sichtbar macht. Historische Bildtraditionen erscheinen hier nicht als stabile Zeugnisse der Vergangenheit, sondern als fragile Spuren, deren Bedeutungen sich in Schichten von Licht und Reflexion überlagern. Die Idee von Erneuerung und Transformation ist auch ein zentrales Motiv im Werk der iranischen Dichterin Forough Farrokhzad, einer Pionierin der modernen persischen Lyrik. Ihre Texte stehen für eine radikal persönliche und zugleich gesellschaftlich aufgeladene Form des Ausdrucks, in der Fragen von Identität, Körper, Freiheit und Selbstbestimmung verhandelt werden. Bis heute gilt ihr Werk als eine Stimme der poetischen Unabhängigkeit und inneren Widerständigkeit.
In ihrem Gedicht Another Birth beschreibt sie eine Form innerer Wiedergeburt, ein Wachstum, das aus Dunkelheit entsteht. Das Bild, die eigenen Hände in den Garten zu pflanzen und zu wachsen, verbindet die menschliche Erfahrung von Veränderung mit der zyklischen Erneuerung der Natur.
Auch im kulturellen Leben ist Wandel eine grundlegende Konstante. Wenn wir Veränderung nicht nur als Bruch, sondern als Teil des Lebens begreifen, eröffnet sie neue Perspektiven und Möglichkeiten. Kunst und Kultur sind besonders aufnahmefähig für solche Prozesse, weil sie Räume schaffen, in denen neue Bilder und Symbole entstehen können. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche kommt diesen Räumen eine besondere Bedeutung zu. Politische Freiheit entsteht aus gesellschaftlichen Prozessen heraus. Umso wichtiger ist es, diese sichtbar zu machen und solidarisch zu unterstützen. Wer die Stimmen der Zivilgesellschaft ernst nimmt, stärkt die Kräfte, aus denen nachhaltige Veränderung entstehen kann.
Aus meiner eigenen Erfahrung und Beobachtung entsteht kulturelle Zugehörigkeit oft nicht als etwas Festes, sondern im Zwischenraum. Sie ist weniger an einen geografischen Ort gebunden als an ein Geflecht aus Erinnerungen, Sprache und kulturellen Kontinuitäten - eine Konstellation von Erfahrungen, die ein Gefühl von Verbundenheit schafft. Distanz kann dabei auch einen produktiven Raum öffnen. Sie ermöglicht es, sich zur eigenen Herkunft neu zu verhalten, sie zu hinterfragen und zugleich weiterzutragen. Zugehörigkeit wird in diesem Sinne weniger zu etwas, zu dem man zurückkehrt, sondern zu etwas, das man in sich trägt - als Form von Resonanz, die sich im Laufe der Zeit verändert und weiterentwickelt.
In diesem Sinne versteht Let Us Believe in the Dawn of Spring Kunst nicht als isoliertes Objekt, sondern als eine Praxis, die Räume öffnet. Gerade in Zeiten politischer Krisen kann Kunst Orte schaffen, an denen Erinnerung, Gemeinschaft und Hoffnung sichtbar werden und an denen sich die Vorstellung eines kommenden Frühlings behauptet. Der Frühling ist dabei mehr als eine Jahreszeit. Er ist eine Vorstellung davon, dass Erneuerung möglich bleibt - im persönlichen Leben, in kulturellen Traditionen und in gesellschaftlichen Prozessen.
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LASST UNS AN DEN BEGINN DES FRÜHLINGS GLAUBEN
Gruppenausstellung
13.03.-25.04.2026
Galerie Anahita Sadighi, Berlin
www.anahitasadighi.com