Liebste Mutti

Ivana trägt HALSKETTE & RING Hugo Kreit.

Ivana Vladislava‘Die polnische Mutter des Kindes war nach heutigen Maßstäben sehr jung, als sie es bekam. ‘Sie war eine sehr schöne Frau, sehr eitel und charismatisch’, sagt Vladislava. Ihr albanischer Vater hingegen war ein ‘Bastard’. Als er ihre Mutter kennenlernte, war er der Anführer eines mächtigen Verbrecherclans. Aber er hatte bald genug von Vladislavas Mutter und schickte die schwangere Frau zurück ins postkommunistische Polen. Vladislavas Mutter hatte nie ein ernsthaftes Interesse an der traditionellen Rolle der Mutter, die auch heute noch von Jean-Jacques Rousseau und Johann Pestalozzi als aufopferungsvolle, lebenslange Aufgabe definiert wird. So wuchs Vladislava bei ihrer Großmutter auf. Ich glaube nicht, dass meine Mutter mich in irgendetwas beeinflusst hat, außer in meiner Eitelkeit und Selbstbezogenheit‘, sagt sie.

Aber gerade diese Erzählung von der schlechten Mutter fasziniert sie Frauen, für die ein Kind allenfalls ein Statussymbol ist. Zum Beispiel das Bild der typischen Millionärsgattin, die kurz vor der Geburt schon gedanklich ihren Skiurlaub in Aspen organisiert. Das Klischee des Kinderhassers, das bereits ikonische Schurken hervorgebracht hat, die man hassen und gleichzeitig lieben muss: Narzisstische, neidische, machtgierige, groteske, eitle und dramatische Disney-Figuren wie Ursula, Maleficent, Lady Tremaine oder Cruella de Vil. Vielleicht fühlt sich Ivana Vladislava so sehr zu ihnen hingezogen, weil sie als Kind mit einer so schlechten Mutter konfrontiert war. Eine Mutter, die keine Mutter sein wollte. Stattdessen konzentrierte sie ihre Energie darauf, sich an dem Mann zu rächen, der sie schwängerte und dann ohne einen Penny sitzen ließ. Vladislavas Mutter überließ sie ihrer Großmutter und reiste nach Deutschland, um ihn zu besuchen, nur um seinen Nachtclub mit einem Baseballschläger zu zertrümmern.

‘Mutter ist Macht, Mutter liebt dich, und sie bestraft dich’, sinniert sie, als wir uns an einem Freitagnachmittag unterhalten. Sie nimmt sich viel Zeit für unser Interview, obwohl sie sich bereits auf das Wochenende vorbereitet. Vladislava ist längst zu einer wichtigen Figur im queeren Berliner Nachtleben geworden. Sie tritt auf, macht Comedy oder verschönert einfach nur einen Ort mit ihrer Anwesenheit. Obwohl sie selbst keine Kinder hat, trifft die Bezeichnung ‘Mutter’ für sie durchaus zu. Der Begriff ist schon lange im queeren Vokabular verankert und hat seinen Ursprung vermutlich in den 1720er Jahren. Damals betrieb eine Britin namens Margaret Clap ein Kaffeehaus, in dem sich homosexuelle Männer diskret zum einvernehmlichen Geschlechtsverkehr trafen. Ihre dankbaren Gäste nannten Clap liebevoll ‘Mother Clap’. Das vielfältige queere Erbe des Begriffs ist besonders tief in der New Yorker Ballsaalszene der sechziger Jahre verwurzelt, einer Subkultur, die von queeren schwarzen und lateinamerikanischen Drag-Künstlern geprägt wurde. Hier ist die ‘Mutter’ des Hauses der Inbegriff von kraftvoller, selbstbewusster Weiblichkeit - eine Definition, die auf Vladislava wie die Faust aufs Auge passt.

LINKS Ivana trägt OHREN d'Heygere HALSKETTE Hugo Kreit KLEID Rick Owens SCHUHE Abra RECHTS Ivana trägt SCHUHE Abra.

Ivana trägt SKIN, EYES & LIPS Pat McGrath.

Auf die Frage, warum Ivana einen solchen Status in der Berliner Queer-Szene hat, spekuliert sie bescheiden, dass es wohl an ihrer Oberweite liegen muss. Freud hat einmal gesagt, dass Brüste für Mutter und Milch stehen. Deshalb glaube ich, dass viele Schwule meine Brüste nicht als etwas Sexuelles sehen, sondern als ein Symbol des Trostes‘, erklärt sie. Doch Vladislava ist so viel mehr als nur ihr Äußeres. Im Alter von nur 14 Jahren lief sie von zu Hause weg. Ihr Ziel: Berlin. Von diesem Moment an hat sie viele geliebte Menschen sterben sehen, sagt sie feierlich, darunter leider auch ihre beste Freundin und ihre ganz persönliche ’Mutter‘, Aria, die Selbstmord beging. Aria war trans und eine polnische Elite-Escort. Sie war die Person, die mir geholfen hat, die zu werden, die ich heute bin - sie war ein echtes Prachtstück’, erinnert sich Ivana ehrfürchtig. Sie sah aus wie Jerry Hall, trug von Kopf bis Fuß Chanel und eine knallrote Hermès Birkin. Opulente Cartier-Ohrringe verdeckten die Narben an ihren Ohren, die nach dem Facelifting entstanden waren. Erfahrungen wie diese, zusammen mit der Transphobie und den Vorurteilen, mit denen sie täglich konfrontiert ist, haben Ivana härter gemacht. Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung und strahlt selbst in vollem Glamour absolute Ruhe aus. Jeder Tag ist für mich ein Fest. Ich versuche, immer eine positive Einstellung zum Leben zu haben‘, erklärt sie. Es kostet nichts, nett zu sein! Ich kann das Funkeln in ihren großen grünen Augen praktisch durch den Telefonlautsprecher sehen.

Es ist kein Wunder, dass ‘La Vladislava’ in der schwulen Gemeinschaft so beliebt ist. Vladislava erklärt, dass die LGBTQIA+-Community sich oft mit Mutterfiguren umgibt, weil ihre Mitglieder entweder eine sehr enge oder eine gestörte Beziehung zu ihren eigenen Müttern haben. Ihre Beziehung zu ‘ihren Schwulen’ gleicht einer bedingungslosen Mutterliebe. Ich liebe sie, und die Schwulen lieben mich dafür, dass ich sie liebe, und ich liebe die Schwulen dafür, dass sie mich lieben, und so lieben wir uns alle gegenseitig‘, erklärt sie. Dennoch glaubt sie selbst, dass sie eine schreckliche Mutter wäre. Ich wäre eine Mischung aus Aschenputtels Stiefmutter und der ’coolen Mutti‘ aus Böse Mädchen... dann wäre ich im Grunde wie Kris Jenner’, lacht sie. Vladislava sieht keine Notwendigkeit, eigene biologische Kinder zu haben, da sie mit ihren queeren Schützlingen und all ihren heterosexuellen Liebhabern mit Mutterkomplexen oder einem MILF-Fetisch genug zu tun hat.

Ivana trägt FULL LOOK Ferragamo.

Wie in SLEEK 79 - MUTTER veröffentlicht. Erhältlich in gedruckter und digitaler Form hier.

CREDITS

Bilder: Geray Mena & Sara Miguel
Styling: Joana Zibat
Talent, Make-up und Haarkünstler: Ivana Vladislava
Kreative Leitung: Lorenzo L. Pradelli
Bühnenbild: Sandro de Mauro
Talent Manager: Jerome Glock
Produktion: Ruben Cortelletti @ Agentur Chérie
Fotografie-Assistent: Dennis Kragers
Styling-Assistenten: Diana Lukaschuk & Amelie Bachert
Studio: Atelier Chéri