Für seine erste Einzelausstellung in Berlin, Zwischen einer Zahl und einem BuchstabenDer amerikanische interdisziplinäre Künstler Pope.L hat eine neue ortsspezifische Installation für den Schinkel-Pavillon konzipiert. Die Installation befindet sich in den außergewöhnlichen Räumlichkeiten im ersten Stock der Galerie und Konstruktion wird zusammen mit einer Auswahl von Werken, den ‘Skin Set Drawings’ (1997–2011), und dem Video Kleine Tasse (2008), ausgestellt im Keller.
Konstruktion ist eine riesige, orangefarbene Maschine, die regelmäßig mit abstrakten Skulpturen gefüttert wird, die Berlins berühmte architektonische Bauwerke wie das Berliner Schloss und die Alte Wache nachbilden und damit den zerstörerischen Charakter dieser Machtstrukturen verdeutlichen. Mit diesem Werk setzt Pope.L die fortlaufende Auseinandersetzung mit Darstellungen rassistischer Gewalt und sozialer Ungleichheit fort, mit der er sich bereits sein ganzes Schaffen über beschäftigt hat. Indem er dieses Werk neben zwei Arbeiten aus seiner früheren Schaffensphase präsentiert, Zwischen einer Zahl und einem Buchstaben regt die Zuschauer dazu an, sich sowohl auf einen künstlerischen als auch auf einen gesellschaftspolitischen Dialog über die Darstellung von Rassen und soziale Ungleichheit einzulassen.
SLEEK: Was war die Inspiration für „Contraption“?
Pope.L: EIN TEIL DER INSPIRATION FÜR ‘CONTRAPTION’ STAMMTE AUS ÜBERLEGUNGEN ÜBER BINDUNG, GEWOHNHEIT ODER ROUTINE, VIELLEICHT SOGAR LIEBE. VIELLEICHT SIND DIESE DINGE DAS GLEICHE? VIELLEICHT AUCH NICHT? – MICH INTERESSIERTE UNSERE ALLTÄGLICHE PRAKTISCHE UND PSYCHOLOGISCHE Abhängigkeit von dem, was wir zu wissen glauben, weil unsere Beziehung dazu EINES NACH DEM ANDEREN IST– WIR SEHNEN UNS NACH ABLAUF, UND DOCH EMPFINDEN WIR IHN ALS BELASTEND – WIR WISSEN, DASS ER UNS DUMM UND STUMPF MACHT, UND DOCH BIETET ER UNS EIN ZELT, EINE KIRCHE, EINEN DESPOTEN, EINE STRUKTUR FÜR UNSERE DAUER HIER AUF DEM PLANETEN –
S: Inwiefern hat das Berliner Umfeld die Entstehung von „Contraption“ beeinflusst?
Pope.L: DIE ARCHITEKTONISCHEN AUSWIRKUNGEN UND KOSTEN DES MUSEUMSViertels rund um das Schinkel hatten einen bedeutenden Einfluss. VIELLEICHT AUCH MEINE BESUCHE IN VERSCHIEDENEN RESTAURANTS IN DER GEGEND, UM EINEN KLEINEN HAPPS ZU ESSEN, UND DIE TATSACHE, DASS DIE GASTWIRTE MICH ÜBERMÄSSIG AUFMERKSAM BEOBACHTETEN – ICH GLAUBE, DIESE ERFAHRUNGEN KÖNNTEN GEHOLFEN HABEN. Das Gefühl, dass Berlin eine etwas spießige Stadt ist, wenn man eine bestimmte Art von Fremdem ist. UND DANN IST DA NOCH DER ÜBERAUS OFFENSICHTLICHE REICHTUM DER STADT, IHRE OPULENZ UND DER HISTORISCHE NOSTALGIE-PORNO – DIESER REICHTUM IM GEGENWICHT ZUR TATSACHE, DASS BERLIN DERZEIT EINE STADT IN EINER FINANZKRISE IST –
Bild mit freundlicher Genehmigung von Pope.L und dem Schinkel-Pavillon.
S: Du hast gesagt, dass dich Obertöne faszinieren, weil sie (die Schwingungen/Klänge) Dinge entstehen lassen, die eigentlich nicht da sind, und dass der Raum des Schinkel-Pavillons etwas Besonderes an sich hat, da der Betrachter dort verschiedenen Wegen folgen kann, die zu kleineren Räumen führen. Was sollen die Betrachter empfinden, wenn sie die Ausstellung und die einzelnen Werke erleben?
Pope.L: DU HAST RECHT, ICH HABE VIELLEICHT TATSÄCHLICH GESAGT, DASS OBERTÖNE ‘NICHT DA SIND’, ABER SIE MÜSSEN DOCH DA SEIN, WENN MAN SIE HÖRT, ODER? SIE MÜSSEN JA IRGENDWIE DA SEIN! WEISE – ABER DIE INTERESSANTE FRAGE IST: IN WELCHER WEISE? UND WIE WIRKT SICH DAS AUF DIE EIGENE INTERPRETATION DES KUNSTWERKS, DER UMGEBUNG ODER DER STADT AUS, IN DER MAN SIE ERLEBT? DEINE ZWEITE FRAGE IST NUR DESHALB SCHWIERIGER, WEIL DU MICH BITTEST, EINE SEHR GROSSE VIELFALT VON EFFEKTEN IN DER AUSSTELLUNG ZU ERKLÄREN – DESHALB WERDE ICH MICH IN MEINER ANTWORT SO ELEGANT WIE MÖGLICH AUSDRÜCKEN– ALS ZUHÖRER SOLLTE MAN VERSUCHEN, EIN GUTER UND ENGAGIERTER AKTIVISTISCHER DETEKTIV ZU SEIN – NIMM NICHTS FÜR BAR, SONDERN WÜRDIGE ALLES, BETRACHTE DIE OBERFLÄCHE, ABER PHILOSOPHIERE ÜBER DIE TIEFE –
S: Sie haben auch erwähnt, dass “das, was ausgelassen wird, die Diskussion verschärfen kann”. Berücksichtigen Sie dies bei all Ihren Werken während des Schaffensprozesses? Welche Art von Diskussionen möchten Sie, dass das Publikum im Zusammenhang mit dieser speziellen Ausstellung führt?
Pope.L: DAS IST EINE, DAS IST EINE WUNDERBARE UND PROVOKATIVE FRAGE, DIE ICH ENTWEDER OBEN IN DER VORHERIGEN FRAGE BEREITS BEANTWORTET HABE ODER AUF DIE ICH ÜBERHAUPT KEINE ANTWORT HABE. ICH KANN FOLGENDES SAGEN: ARBEIT IST EIN ZENTRALER FAKTOR BEI DER HERSTELLUNG UND DEM KONSUM VON KUNSTWERKEN; DESHALB IST ES SEHR WICHTIG, WAS EIN BETRACHTER ALS REAKTION AUF EIN KUNSTWERK BEITRÄGT, ABER AUCH, WIE VIEL ZEIT ER DAFÜR AUFWENDET. DIE IN ‘BETWEEN A FIGURE AND A LETTER’ AUSGESTELLTEN ARBEITEN SIND NICHT IN EINER GERADEN LINIE ANGEORDNET, SIE SIND VERTEILT WIE DIE TEILE EINES PUZZLES ODER DIE FRAGMENTE VON NEURONEN IM KOPF EINES ALZHEIMER-PATIENTEN.
S: Wenn Text sowohl “etwas” als auch “nichts” bedeuten kann – welche Rolle spielt ‘Text’ in deinen Kunstwerken?
Pope.L: Ich mag diese Frage, weil der erste Teil sowohl brillant als auch dumm ist – was die beste Kombination für diese Art von Frage ist. Im Vergleich dazu wird meine Antwort wahrscheinlich enttäuschen—- TEXT WIRKT IN MEINEN ARBEITEN AUF VIELFÄLTIGE WEISE – ALS WILLE, ALS BEGEHREN, ALS INFORMATION – ALS OBJEKT, ALS ATMOSPHÄRE, ALS ABLENKUNG, ALS PERFORMANCE, ALS MUSIK, ALS RUF, ALS SCHREI, ALS BELLEN IM RUF, ALS SCHUSS INS BLINDE…
Bild mit freundlicher Genehmigung von Pope.L und dem Schinkel-Pavillon.
Pope.L: Zwischen einer Figur und einem Buchstaben
9. April – 31. Juli 2022