Redefreiheit braucht Gegenrede - Die Berlinale und das Versagen der Führung

Photography by Anadolu via Reuters Connect

Es war kein Zufall. Es war kein Betriebsunfall. Es war das Ergebnis einer institutionellen Haltung, die sich schon lange anbahnte: Als der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Al-Khatib bei der Abschlussgala der Berlinale die Bühne betrat, seine Palästinafahne entrollte und der Bundesregierung vorwarf, Partner eines Völkermords zu sein, hätte jeder, der die letzten zwei Jahre aufmerksam verfolgt hat, gewusst: Das hier war absehbar.

Und genau das ist das Problem.

Demokratie ist kein Luxus. Sie ist das Fundament, auf dem alles steht, was wir als offene Gesellschaft verstehen. Zu ihr gehört, unabdingbar und kompromisslos, die Meinungsfreiheit. Auch die unbequeme. Auch die falschen. Auch jene, die historische Begriffe instrumentalisiert, Fronten verhärtet und die differenzierte Realität eines der komplexesten Konflikte der Gegenwart in ein simplizistisches Gut-Böse-Schema presst. Wer Meinungsfreiheit nur für jene Meinungen einfordert, die er teilt, hat den Begriff nicht verstanden.

Aber - und das ist der entscheidende Punkt - Meinungsfreiheit ist keine Monologfreiheit. Sie ist ein Prinzip, das seinen Wert erst in der Auseinandersetzung entfaltet. Rede und Gegenrede, These und Antithese: Das ist die Grammatik des freien Diskurses. Eine Demokratie, die Provokationen zu verschweigen versucht, beantwortet sie nicht - sie resigniert vor ihnen.

Genau hier beginnt das institutionelle Versagen der Berlinale, und es ist keines, dass man sich schönreden darf. Al-Khatib war nicht der erste. 2024 nutzten die Preisträger dieselbe Bühne für nahezu identische Statements. Die Muster wiederholen sich mit beängstigender Regelmäßigkeit. Wer glaubt, ein Filmfestival von internationalem Rang, dass sich explizit als politischstes der großen A-Festivals versteht, sei kein politischer Schauplatz, der sich in die Tasche lügt.

Die Frage ist auch nicht: Darf das gesagt werden? Die Antwort lautet Ja. Die Frage ist: War man vorbereitet?

Und hier kommt ein Aspekt ins Spiel, der in der aufgeregten Debatte um Fördermittel, Personalentscheidungen und offene Briefe auffällig wenig Beachtung findet: die Moderation. Auf einer Gala dieser Größenordnung - finanziert mit bis zu 12,8 Millionen Euro öffentlicher Mittel, übertragen, beobachtet, analysiert - sitzt kein Amateur am Mikrofon. Die Person, die durch einen solchen Abend führt, wird entsprechend gebrieft und vergütet, und dieser Vergütung wohnt eine Erwartung inne: Professionalität in jeder denkbaren Situation.

Eine professionell geführte Veranstaltung dieser Tragweite hätte eine Antwort gehabt. Nicht als Zensur, nicht als Unterbrechung, sondern als das, was im demokratischen Diskurs selbstverständlich sein sollte: eine klare, ruhige, würdevolle Gegenrede. Einen Text, der das Gesagte nicht löscht, sondern kontextualisiert. Der zeigt auf, was Antisemitismus ist und was er eben nicht ist. Der signalisiert, dass dieser Raum für alle gilt - und eben deshalb nicht für Drohungen.

Dass dieser Text nicht existierte, dass niemand in der Führung der Berlinale - nicht Festivalchefin Tricia Tuttle, nicht ihre Kommunikationsabteilung, nicht der kulturpolitisch verantwortliche Minister im Hintergrund - diesen Moment antizipiert und vorbereitet hat, ist kein Versehen. Es ist Führungsversagen in Reinkultur.

Man kann nun über die mögliche Entlassung Tuttles streiten. Man kann diskutieren, ob staatliche Eingriffe in die Programmgestaltung eines Festivals Kunstfreiheit gefährden. Beides sind legitime Fragen. Aber sie lenken ab von dem, was tatsächlich passiert ist: Eine Institution mit großem Symbolwert wurde wieder einmal unvorbereitet von einer Situation überrollt, die sie längst hätte, kommen sehen müssen.

Demokratie verlangt Mut zur Auseinandersetzung. Sie verlangt den Willen, auch dort zu antworten, wo die Antwort unbequem ist. Sie verlangt Institutionen, die nicht nur Plattform sind, sondern Haltung. Nicht politische Parteinahme, sondern die unmissverständliche Bereitschaft zu sagen: Hier sprechen alle. Und hier werden auch alle gehört.

Das ist keine hohe Kunst. Es ist Handwerk. Und es war an diesem Samstagabend schlicht nicht da.