Photography by BARTEK SZMIGULSKI
Wir treffen Freya Ridings in einem Berliner Studio. Bevor das Gespräch beginnt, öffnet sie ihre Tasche, nimmt ein kleines Matcha-Reiseset heraus und rührt das grüne Pulver um. Ein stilles, fast meditatives Ritual - wie ein kurzes Innehalten, bevor die Emotion zur Sprache wird.
International bekannt wurde Freya mit “Lost Without You”, einem Song, der über Jahre in kleinen Londoner Open-Mic-Nächten gewachsen war, bis er auf Die Liebesinsel brachte es einem weltweiten Publikum nahe. Ein einziger TV-Moment katapultierte einen zutiefst persönlichen Song in die Öffentlichkeit.
Der Erfolg hat nie etwas an der Intimität ihrer Musik geändert. Lange Zeit bestand der Song nur aus ihr und ihrem Keyboard. Keine Strategie. Kein Kalkül. Nur Gefühl. Und so arbeitet sie auch heute noch.
Ein festes Studio hat sie nicht. Stattdessen steht in ihrem Wohnzimmer ein Klavier, genau wie im Haus ihrer Eltern. Dort schreibt sie immer noch am liebsten - in bequemer Kleidung, mit einer Tasse Matcha, oft mit geschlossenen Augen. Sie vertraut darauf, dass ’das Universum etwas geben wird“, wie sie es nennt. Ihr kreativer Prozess ist weniger Produktion als vielmehr eine Rückkehr zu sich selbst. Trends zu folgen, hat sie noch nie interessiert.
“Ich kann nur aus persönlicher Erfahrung schreiben. Es muss wahr sein. Es muss brutale Ehrlichkeit sein, oder ich kann es einfach nicht singen.”
Photography by BARTEK SZMIGULSKI
Manchmal schreibt sie wochenlang nicht. Und dann, an einem einzigen Abend, entstehen mehrere Lieder. Sie weigert sich, Inhalte zu produzieren, wenn sie nichts zu sagen hat. “Es ist, als würde man einen Freund anrufen, wenn man ihm nichts zu sagen hat.”, erklärt sie.
Ihre Lieder sind inspiriert von Beziehungen - mit Partnern, mit der Familie, mit Freunden, mit Menschen, die sie verloren hat. Musik ist für sie ein Mittel der Kommunikation. Ein Raum, um Dinge auszudrücken, die sich im Alltag vielleicht zu schwer anfühlen. In einem Song dürfen Gefühle größer, filmischer, intensiver sein. Und es ist genau diese radikale persönliche Ehrlichkeit, die ihre Musik universell macht.
“Ich denke, dass Lieder manchmal eine Möglichkeit sind, Dinge zu sagen, die man im wirklichen Leben nicht sagen kann.”
Photography by BARTEK SZMIGULSKI
Oft sind es die spezifischsten, fast seltsam detaillierten Zeilen, die den Hörer sagen lassen: Genau das ist mir passiert. Vielleicht ist das ihre Stärke: Sie schreibt von einem zutiefst subjektiven Ort aus und berührt kollektive Erfahrungen. Sie beschreibt es als gegenseitiges Auffangen. Sie zeigt sich verletzlich und wird gehalten. Diese Erfahrung gibt ihr den Mut, sich noch weiter zu öffnen.
“Das Gefühl, das ich meinen Zuhörern vermitteln möchte, ist Frieden und Wahrheit, und dass sie sich einfach gesehen fühlen. Die Höhen sind hoch, die Tiefen sind tief. Wir fahren einfach Achterbahn!”
Photography by BARTEK SZMIGULSKI
Ihr neues Album “Mother of Pearl” bringt eine spürbare Veränderung. Neben Verletzlichkeit stehen Wut, Reife und Weiblichkeit. Gerade als Frau in einem männerdominierten Umfeld musste sie lernen, ihrer Intuition treu zu bleiben. Was sich einst natürlich anfühlte - am Klavier zu sitzen und instinktiv zu schreiben - wurde von Zweifeln, Erwartungen und dem Druck der Industrie überschattet. Das neue Album ist daher auch eine Rebellion, eine Rückgewinnung: eine Rückkehr zu ihrer eigenen Stimme.
Freya Ridings lebt Intensität. Ihre Kunst entsteht aus dem Mut, tief zu fühlen. Und wenn sie dazu bereit ist, teilt sie diese ungefiltert, ehrlich und zutiefst menschlich.
Photography by Daniela Rodríguez Mora