„Was haben wir noch mit den Kindern zu tun, die wir damals waren?“ - Nore
Unsere Vergangenheit ist nicht nur etwas Geschehenes, das hinter uns liegt, sondern etwas, das in uns weiterverarbeitet wird. In dem Drama Kleinstadtmädchen von Hille Norden wird deutlich, dass Vergangenheit kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern eine Struktur, die sich in Körper einschreibt, in Entscheidungen, in Begehren - in die Art, wie man lebt.
Nore (Dana Herfurth) hat eine sehr offene Art, lebt laut, exzessiv, scheinbar grenzenlos. Ihr Alltag wirkt ungezwungen: Alkohol, Kippen und jede Nacht einen anderen Typen im Bett, fast schon obsessiv. Sex in der Badewanne, am Balkon oder in der Küche zwischen Essen und Herd. Mit Fetischisten, Männern, die keinen hochbekommen oder die danach sofort was Festes wollen. Ihre Sexualität wirkt wie ein Statement, ihr Auftreten dabei selbstbewusst und stark. Eine Leichtigkeit, die man sich gerne abschaut.
Joanna (Luna Jordan) ist zunächst angetan von Nores selbstbewusstem, provokantem Auftreten. Ihre Unerschrockenheit wirkt anziehend, fast befreiend, fast wie ein Versprechen auf ein Leben ohne Angst. Die beiden ziehen zusammen, leben mehr als eine innige Freundschaft, teilen sich eine Wohnung und zeitweise sogar die Männer, die in ihr Leben treten. Doch während Joanna sich verliebt und beginnt, Nähe anders zu begreifen, wachsen auch ihre Zweifel. Je länger man hinsieht, desto brüchiger wirkt Nores scheinbar freies Leben: Freiheit erscheint nicht nur als Befreiung, sondern auch als Strategie. Als Schutzmechanismus. Als Reaktion auf etwas, das unausgesprochen im Raum steht. Joanna beginnt, Nores Verhalten zu hinterfragen. Gemeinsam kehren sie schließlich in Nores Vergangenheit zurück - dorthin, wo alles seinen Ursprung hat. Dort in der Hütte am See begegnen sie dem 14-jährigen Mädchen, das Nore einst war, den sexuellen Missbrauch erfahren musste, wieder und wieder. Was lange wie radikale Selbstbestimmung erschien, entpuppt sich als Reaktion auf ein frühes Trauma. Der Film erzählt nicht einfach von zwei jungen Frauen, die sich wiederbegegnen. Er erzählt davon, wie früh erlernte Erfahrungen, insbesondere Gewalt und Missbrauch, sich in Lebensentwürfe fortsetzen.
„Nicht jede Liebe ist eine gute Liebe“ - Nore
Kleinstadtmädchen nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Film umgeht nichts und beschönigt nichts. Er zeigt, was ist, ohne Schutzschicht. Gerade darin liegt seine Wucht. Was hier erzählt wird, ist keine Ausnahmegeschichte. Es ist die Realität vieler Mädchen, deren Erfahrungen nicht laut, sondern alltäglich sind und gerade deshalb so schwer zu begreifen. Der Film macht daraus kein Manifest und kein Skandalstück. Er entscheidet sich für etwas Radikaleres: für Ehrlichkeit. Für das Aushalten. Für das genaue Hinsehen. Und vielleicht ist es genau diese Nüchternheit, die am stärksten wirkt.
„Ich hab's auch bis zum Ende erlebt, auch kannst du auch bis zum Ende zuhören“ - Nore
Alle Bilder von © Neue Visionen Filmverleih