SNEAK PEEK VON SLEEK 74 - IDENTITÄT

ICH BIN

Simone de Beauvoir wollte alles vom Leben. Sie wollte “eine Frau oder sogar ein Mann sein”. Es war ein Risiko und sie ist es eingegangen. Es geht um die Möglichkeiten, die diese Welt uns bietet, und die Möglichkeiten, die sie uns verwehrt. Es geht um Grenzen, um Glück und Unglück, um Täuschungen, um Errungenschaften und immer um das Selbstbild. Es geht darum, sich mit seinem Wesen zu verbinden und festzulegen, was man will und braucht. 

Leben heißt erforschen, experimentieren, untersuchen, fordern, dranbleiben. Wer wir sind, offenbart sich erst, wenn wir den Blick der Öffentlichkeit hinter uns lassen und ganz bei uns selbst bleiben. Aufrichtig, zärtlich, weise, wissend, selbstbestimmt, frei. Es sind immer die Umstände, die uns lehren, wie man liebt und lebt. Deshalb ist es wichtig zu wissen, in was für einer Welt man lebt.

FAMILIE

“Egal, was passiert, egal, wie verrückt mein Leben oder die Welt ist, sobald ich meine Kamera in die Hand nehme, bin ich ganz ich selbst. Ich bin in meinem Element. Das ist meine Identität.” Das ist die Antwort der Fotografin Esther Haase auf die Frage, was Identität für sie persönlich bedeutet. Und wenn wir ihrem Blick folgen, bietet sie uns eine weitere Nuance ihrer Interpretation. Auf den folgenden Seiten sind Esthers Eltern, Fritz Haase und Sibylle Haase-Knels, zu sehen, die ihr den Rücken zuwenden. Die Familie hat eine große Macht. Hier wachsen wir auf, machen unsere ersten Erfahrungen, erwerben grundlegende Fähigkeiten, lernen und erleben so vieles. Wir tragen unseren familiären Hintergrund mit uns, unabhängig davon, wo wir später als Erwachsene landen. In gewisser Weise wird sie Teil unserer Persönlichkeit und prägt alle unsere Beziehungen, ob bewusst oder unbewusst. Wir können aus dem Kreis der Familie heraustreten und unsere eigenen Vorstellungen und Ideen entwickeln, aber der Anfang unserer Entwicklung bleibt immer bei uns.

HOME

Der Ort, an dem wir uns angenommen fühlen, wo wir uns gegenseitig ermutigen, unterstützen, auffangen, verstanden fühlen, uns gemeinsam freuen, lachen, weinen. Der Ort, an dem wir gerne sind und uns entwickeln können, an dem wir hinfallen und nicht alleine wieder aufstehen müssen. Und all das erinnert uns daran, wie und wer wir geworden sind, denn wenn wir hinter uns schauen, ist unser Blick mit dem Leben verwoben. All das kann man als Heimat bezeichnen. Es ist die Heimat unserer Erinnerungen, Gerüche, Sehnsüchte und immer auch unserer selbst. Ein Ort, der kein Dach braucht. Ein Zustand, nicht ein Ort.

STRASSE

Die Straße ist der Ort, an dem wir unsere eigenen Geschichten in die Welt tragen. Denn wir verraten viel über uns selbst durch das, was wir tragen, wie wir es tragen und warum wir es tragen. Bewusst, absichtlich, beiläufig, überwerfend, ablehnend - wie auch immer wir es tun, auf den Straßen dieser Welt sehen wir und werden wir gesehen. Alles ist echt, grenzenlos vielfältig, zutiefst individuell und persönlich. Nicht, weil wir die Trends der Mode- und Konsumindustrie sehen, sondern weil die Menschen das alles immer wieder neu interpretieren. Auf der Straße erfahren wir, was uns jemand durch seine Kleidung mitteilen oder über sich selbst erzählen will. Deshalb ist dieser öffentliche Raum so faszinierend und frei.

EIGENER WEG

Freiheit ist unabhängig, aber sie ist immer irgendwo verwurzelt. Was bedeutet die Aussage “Ich bin frei”? Was bedeutet “ich”? “Ich” ist verwurzelt in der Kultur, in Werten, in der Sprache, in den Menschen, die mich unterstützt haben und weiterhin unterstützen. Es hat dieselben Menschen in der Vergangenheit geprägt. All das gehört zu mir, und nur diese Identität ermöglicht es mir, meine Freiheit zu verstehen. Freiheit ist also nicht abstrakt - sie ist keine ungezügelte, wurzellose, ungezähmte Kraft. Diese Verwurzelung schränkt unsere Freiheit nicht ein, sie ist vielmehr ihre notwendige Bedingung.

Wie in SLEEK 74 - IDENTITÄT vorgestellt. Erhältlich in gedruckter und digitaler Form hier.