Die Kunst der Scham muss wiederkommen!

Wann hat „Mann“ verlernt Anstand zu haben und sich nicht dafür zu schämen?

Was in den Kommentarspalten auf Social Media passiert, ist keine Meinungsäußerung mehr - es ist ein völliger Verlust von Maß, Anstand und Selbstkontrolle. Im Fall von Collien Fernandes werden Kommentare sichtbar, die nicht nur respektlos, sondern unreflektiert und offen entwürdigend sind.
Und das Erschreckende daran ist nicht ihre Existenz, sondern ihre Selbstverständlichkeit. Diese Männer verstecken sich nicht. Sie kommentieren unter Klarnamen, mit Profilbildern, mit einem Leben dahinter - und trotzdem ohne jede Form von Scham. Denn eigentlich sollte hier eine klare Grenze verlaufen: Scham als Korrektiv, das einen davon abhält, solche Gedanken ungefiltert in die Welt zu tragen. Und genau hier liegt die eigentliche Verschiebung: Nicht die Grenze wurde überschritten - sie existiert für viele offenbar gar nicht mehr. Scham trifft nicht mehr die, die sie dringend nötig hätten. Denn sie trifft leider oft die Falschen: diejenigen, die zu laut sind, zu viel wollen, zu sichtbar sind - während andere sich mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit durch Räume bewegen, online wie offline, ohne ihr Verhalten zu hinterfragen oder hinterfragt zu werden.

Solche Kommentare sind kein Ausrutscher, sondern unreflektierte, respektlose Haltung. Sie zeigen, wie normalisiert es geworden ist, andere öffentlich herabzuwürdigen, ohne auch nur für einen Moment innezuhalten. Hierbei geht es um Verantwortung. Um die Fähigkeit, das eigene Verhalten einzuordnen, Grenzen zu erkennen und sie auch zu spüren. Und genau hier scheint bei vielen eine Leerstelle zu sein. Denn in erster Linie sollte sich jeder Verfasser - anonym oder nicht - für derartige Äußerungen schämen.
Scham ist kein überholtes Gefühl, kein moralisches Relikt - sie ist die absolute Untergrenze von Anstand. Wer sie nicht mehr empfindet, verliert nicht nur Maß, sondern Verantwortung. Und genau das zeigt sich hier: Diese Männer haben die Scham abgelegt - weil es offenbar keine Konsequenzen mehr gibt. Die eigentliche Frage ist auch nicht, wann das passiert ist. Sondern warum wir es zulassen. Wenn Scham kein Korrektiv mehr ist, wird alles sagbar. Scham ist kein Wert an sich. Aber ihr Fehlen ist ein Problem. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir wieder anfangen sollten.