Ein Aufsatz von Christian Bracht
Heute beginnt in Venedig etwas, das in unserer Kultur selten geworden ist: ein Ereignis, das noch nicht stattgefunden hat. Mit „Ink“, Danny Boyles Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks, wird die 83. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig auf dem Lido eröffnet. Bislang hat außer einem kleinen Kreis noch niemand den Film gesehen, und wenn im Palazzo del Cinema das Licht erlischt, beginnt nicht nur eine Filmvorführung. Für einen Moment beginnt die öffentliche Existenz eines Werks.
Venedig lebt – mehr als fast jedes andere Festival – nach dem Prinzip der Weltpremiere. Auf den ersten Blick klingt das wie eine Formalität des Festivalbetriebs, doch dahinter verbirgt sich eine Idee, die heute fast schon radikal erscheint: dass etwas einen bestimmten Ort und einen bestimmten Moment braucht, um zu einem Ereignis zu werden.
Die Kultur, die uns im Alltag umgibt, folgt schon seit langem einer anderen Logik.
Was der Feed nicht kann
Der Feed kennt keine Premiere. Tatsächlich kennt er nicht einmal Anfang und Ende, denn er ist immer schon da und geht einfach weiter.
Das ist seine große Stärke. Noch nie zuvor war so viel Kultur so schnell, so einfach und so selbstverständlich zugänglich. Ein Film, ein Lied, ein Bild, ein Interview, ein Clip: Alles kann jederzeit erscheinen, geteilt, gespeichert, wiederholt und weitergeleitet werden. Die Verfügbarkeit ist zu einer der großen kulturellen Errungenschaften unserer Zeit geworden, hat aber ihren Preis.
Was immer verfügbar ist, muss nicht auf einen bestimmten Moment warten, und was auf keinen Moment warten muss, verliert einen Teil seiner Fähigkeit, einen solchen Moment überhaupt erst zu schaffen. Genau hier setzt die Logik der Mostra an.
Ein Film wird an einem bestimmten Abend in einem bestimmten Saal vor einem Publikum gezeigt, das eigens dafür nach Venedig gekommen ist. Natürlich kann derselbe Film später auch in Berlin, Paris oder New York gesehen werden, im Kino oder eines Tages zu Hause. Das Werk ist reproduzierbar. Der Moment seiner ersten öffentlichen Rezeption hingegen nicht. Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn ein Festival produziert nicht bloß Filme als Objekte der Betrachtung. Es schafft Situationen: Vorfreude vor der Vorführung, Konzentration währenddessen und Gespräche danach. Die Menschen sehen zur gleichen Zeit dasselbe und diskutieren anschließend darüber, was sie gesehen haben.
Der Algorithmus strukturiert Kultur auf andere Weise und erzeugt Millionen paralleler Erlebnisse, die perfekt auf den Einzelnen zugeschnitten sind, während das Festival für ein paar Stunden eine gemeinsame Basis schafft. Vielleicht ist genau das heute die eigentliche Knappheit. Es mangelt uns nicht an Inhalten, denn davon gibt es mehr denn je, sondern an Momenten, in denen viele Menschen denselben Inhalten ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.
Die Freiheit der Begrenzung
Darin liegt auch ein merkwürdiges Paradoxon. Zu Hause haben wir fast vollständige Kontrolle über einen Film. Wir können anhalten, zurückspulen, vorspulen, Untertitel einschalten, auf Nachrichten antworten oder nach zwanzig Minuten etwas anderes anschauen. Das fühlt sich nach Freiheit an, und technisch gesehen ist es das auch. Im Kino geben wir jedoch freiwillig fast alle diese Möglichkeiten auf. Das Licht geht aus, das Handy verschwindet und der Film gibt das Tempo vor. Wir können eine Szene nicht beschleunigen, weil sie uns langweilt, noch zurückspulen, weil wir einen Moment unaufmerksam waren. Zwei Stunden lang akzeptieren wir die Zeit des anderen, und vielleicht entsteht gerade daraus eine andere Form von Freiheit.
Das Kino lässt uns weniger Kontrolle über das Werk – und vielleicht gerade deshalb mehr Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit.
Die Freiheit des Feeds hingegen ist widersprüchlich. Wir können jederzeit weiterblättern, doch genau diese Möglichkeit wird zu einer ständigen Aufforderung, dies auch zu tun. Kaum hat etwas unsere Aufmerksamkeit erregt, wartet schon das Nächste, nicht weil das Vorherige abgeschlossen ist, sondern weil die Maschine kein Ende kennt.
Das Kino setzt dieser Unendlichkeit durch Anfang, Dauer und Ende eine Grenze. Es zwingt uns nicht zur Aufmerksamkeit, sondern schafft die Voraussetzungen, unter denen Aufmerksamkeit wieder möglich wird.
Ein gemeinsames Geschenk
Deshalb ist ein Festival wie das in Venedig mehr als nur ein besonders glamouröser Ort, an dem Filme zum ersten Mal gezeigt werden. Es ist eine Maschine zur Schaffung einer gemeinsamen Gegenwart, was auch erklärt, warum die politischen Konflikte der Zeit auf dem Lido so unmittelbar sichtbar werden.
Auch in diesem Jahr begleiten Debatten über den Krieg im Gazastreifen und den israelisch-palästinensischen Konflikt das Festival bereits vor seiner Eröffnung. Das liegt nicht daran, dass ein Filmfestival zwangsläufig bessere Antworten auf politische Fragen parat hat, sondern daran, dass es für einige Tage einen öffentlichen Raum schafft, der nicht vollständig personalisiert werden kann.
Wer im Kino sitzt, kann sich sein Publikum nicht aussuchen. Man sitzt neben Menschen, die den Film lieben werden, und anderen, die ihn verachten werden, neben Journalisten, Regisseuren, Schauspielern, Produzenten, Kritikern und Gästen. Sie haben nicht denselben Informationsfluss und leben wahrscheinlich nicht in derselben politischen Realität, aber zwei Stunden lang sehen sie dasselbe.
Das mag banal klingen, ist es aber in einer zunehmend fragmentierten Öffentlichkeit keineswegs. Der Feed zeigt uns die Welt, von der ein Algorithmus annimmt, dass wir sie sehen wollen, während ein Festival uns – zumindest gelegentlich – mit einer Welt konfrontiert, die wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Vielleicht ist das eine seiner wichtigsten Funktionen.
Was bleibt, wenn der Vorhang fällt
Am 12. September endet die Mostra, und viele der dort gezeigten Filme werden danach wochen- oder monatelang für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich sein. Einige werden erst zur Preisverleihungssaison in die Kinos kommen, andere sogar noch später.
Nach den Maßstäben der Plattformökonomie erscheint dies fast absurd: Warum sollte man Aufmerksamkeit für ein Werk wecken, nur um es dann wieder aus dem unmittelbaren Zugriff zu nehmen? Vielleicht ist genau das aber der springende Punkt.
Seit 1932 bringt Venedig Menschen zusammen, damit sie gemeinsam auf eine Leinwand schauen können. Die Technologie rund um dieses Ritual hat sich komplett verändert, während sich die eigentliche Idee dahinter kaum verändert hat – und genau das ist vielleicht der Grund, warum es wieder interessant wird.
Die wahre Knappheit unserer Gegenwart findet sich nicht mehr in Bildern, Filmen oder Geschichten. Sie liegt in den Momenten, in denen wir bereit sind, unsere Aufmerksamkeit nicht sofort gegen die nächste Möglichkeit einzutauschen. Venedig verteidigt daher nicht die Vergangenheit des Kinos, sondern etwas, das gerade erst wieder an Wert gewinnt: die Begrenzung.
Ein Ort, ein Zeitpunkt, ein Film – und die Freiheit, zwei Stunden lang nichts anderes sehen zu müssen.
Venedig verteidigt weder die künstliche Knappheit von Kultur noch sehnt es sich nostalgisch nach einer Welt vor Streaming, TikTok und Instagram. Diese Welt kommt nicht zurück, und das muss sie auch nicht. Wofür sich die Mostra einsetzt, ist etwas anderes: die Vorstellung, dass kulturelles Erleben mehr sein kann als bloßer Zugang, und dass ein Werk einen Ort, eine Zeit, eine Vorfreude darauf und eine Erinnerung daran haben kann.