FUSSBALLSPIELER, KAPITÄN, HOBBY-DJ. EIN PORTRÄT EINES MANNES, DER NICHT DAS LAUTESTE, ABER DAS FUNDIERTESTE VERSTÄNDNIS VON FÜHRUNG HAT.
Es gibt Tage, da liefert DAVID RAUM Pakete aus. Zumindest für SLEEK. An diesem Februarnachmittag in Berlin schlüpft der Nationalspieler in die Rolle eines Kuriers und tritt mit einer Gelassenheit vor die Kamera, die zunächst ironisch wirkt, sich dann aber als Teil seines Charakters entpuppt. Wenig später posiert er als Grundschullehrer, dann als Auslieferungsfahrer. Die Rollen wechseln, aber sein Gesicht bleibt dasselbe: offen, aufmerksam, ein wenig amüsiert. Als wäre Raum hier der Einzige, der genau weiß, worauf es ankommt. Das Fotoshooting ist ein Spiel mit Identitäten - und doch trifft es einen Nerv. Denn was David Raum in jeder dieser Rollen verkörpert, ist im Grunde das Gleiche: jemand, der liefert. Nicht im klischeehaften Sinne, nicht im Sinne des Fußballjargons, sondern im wörtlichen Sinne: zuverlässig, methodisch, ohne viel Aufhebens zu machen. Raum, 27 Jahre alt, Linksverteidiger bei RB Leipzig und seit dieser Saison Mannschaftskapitän, gehört zu den seltenen Sportlern, bei denen man nach einem Gespräch das Gefühl hat, dass sie die Dinge wirklich durchdacht haben. Das war nicht immer selbstverständlich. Nürnberg, Greuther Fürth, Jugendakademie. Eine Karriere wie so viele andere im deutschen Fußball. Er “sticht” nur heraus, wenn man genauer hinschaut: Mit sieben Jahren wechselte David Raum zu Greuther Fürth, mit 16 durfte er erstmals bei den Profis mittrainieren, mit 18 debütierte er in der Allianz Arena - ausgerechnet als Linksverteidiger. “Ich fand das furchtbar”, sagt er und lacht in einer Weise, die schnell klar macht, dass damals vieles furchtbar war.
Was folgte, war eine Durststrecke, über die Raum mit bemerkenswerter Klarheit spricht. Zweieinhalb Jahre lang gab es kaum Spielzeit in der zweiten deutschen Liga. Fünf Minuten hier, zehn Minuten dort. Der Gedanke, in die dritte Liga ausgeliehen zu werden. Die Idee, ein Fernstudium zu beginnen - Sportmanagement. “Ich habe mir nie wirklich eingestanden, dass ich es vielleicht nicht schaffe”, sagt er. “Aber es gab Momente, in denen ich mit mir gerungen habe.” Diese Momente verdrängt er nicht; er dramatisiert sie auch nicht. Er beschreibt sie als das, was sie für ihn im Nachhinein geworden sind: eine Lernerfahrung. Der Wendepunkt kam, als Raum aufhörte zu kämpfen - zumindest in dem Sinne, wie es oft missverstanden wird: als Beharren auf den eigenen Vorstellungen. Trainer Stefan Leitl überredete ihn, sich auf der Linksverteidigerposition zu engagieren. Assistent André Matovic hat ihm Tag für Tag defensive Disziplin eingebläut. Raum hörte zu. “Als ich die Rolle angenommen habe”, sagt er, “wurde ich belohnt.” Ein Jahr später: Bundesliga-Transfer, Nationalmannschaft, U21-Europameister, Olympia. Alles in zwölf Monaten. David Raum beschreibt diese Zeit mit einem subtilen Staunen, als würde er von jemand anderem sprechen - obwohl er genau weiß, dass er es selbst war, der sich weigerte, aufzugeben.
Das Hauptthema dieser Ausgabe von SLEEK ist “Führung”. Ein Wort, das im Sportdiskurs oft zu schnell verwendet wird. Raum ist an all dem interessiert, aber er geht es anders an. Wenn ein neuer Spieler zu RB Leipzig kommt - vor allem wenn er jung ist und aus einem anderen Land kommt - schreibt Raum ihm eine Nachricht. Bevor der Spieler ankommt. “Die Jungs kommen aus der ganzen Welt”, sagt er, “sie müssen sich erst einmal einleben - auch emotional. Wenn das nicht klappt, klappt es auch nicht auf dem Platz.” Eine kleine Botschaft an den neuen Teamkollegen: Es geht nicht um eine große Geste. Vielmehr ist es das, was Führung im besten Sinne des Wortes bedeutet: Es sind die kleinen Dinge, die niemand sieht, weil sie niemand sehen soll. David Raum führt nicht durch Effekthascherei, sondern durch Konsequenz. Auf dem Spielfeld gehört er zu den Spielern, die Pässe spielen, die leicht aussehen, aber in Wirklichkeit schwierig sind. Er gibt das Tempo vor, ohne den Ball zu fordern. Er hält sich zurück, damit andere den Ball schützen können. Sein Antrieb wirkt wie ein Multiplikator, sagt Raum: “Ich spiele gut, damit ihr gut spielen könnt.” “Ich war nie der talentierteste Spieler in meiner Mannschaft”, stellt er trocken fest. “Aber ich war immer der Fleißigste”, fügt er hinzu, “und der Nervigste, weil ich immer mehr wollte.”
SEIN ANTRIEB WIRKT WIE EIN MULTIPLIKATOR, SAGT RAUM: “ICH SPIELE GUT, DAMIT IHR GUT SPIELEN KÖNNT.” “ICH WAR NIE DER TALENTIERTESTE SPIELER IN MEINER MANNSCHAFT”, STELLT ER TROCKEN FEST. “ABER ICH WAR IMMER DER FLEISSIGSTE”, FÜGT ER HINZU, “UND DER NERVIGSTE, WEIL ICH IMMER MEHR WOLLTE.”
Dieses “mehr” bedeutet nicht Gier. Es bedeutet Präzision. Raum will verstehen, was er tut und warum. Er lernt durch Wiederholung. Er wächst, indem er scheitert - und indem er das Scheitern nicht abtut, sondern es in seine Analyse einbezieht. Sir Gareth Southgate hat einmal gesagt, dass die besten Spieler nicht die talentiertesten sind, sondern die, die am meisten lernen wollen. Raum nickt, wenn man ihn darauf anspricht. 2026 steht die Fußball-Weltmeisterschaft an - in den USA, Kanada und Mexiko. Raum war schon 2022 in Katar: alle drei Gruppenspiele, zwei Assists, frühes Ausscheiden. “Das war mein erstes großes Turnier als Nationalspieler”, sagt er. “Ich habe eine Menge gelernt.” Für 2026 macht er keine großen Versprechungen. Er will sich immer wieder qualifizieren, sich nicht auf seine letzte Berufung verlassen, sondern sich durch Leistung beweisen. “Ein Turnier wie dieses kann eine ganze Generation prägen. Man kann damit etwas in einem Land auslösen.” Nein: Wir werden es gewinnen. Sondern: Es geht um mehr als nur den Pokal.
All Photography by ANNIKA YANURA
Abseits des Spielfeldes hat sich David Raum eine Parallelwelt aufgebaut. In seiner Leipziger Stammkneipe hat er schon zweimal als DJ aufgelegt. Sein Pseudonym ist Roomer. “Man kann es nicht immer allen recht machen”, sagt er über die Soundanlage in der Umkleidekabine. Was verbindet einen Linksverteidiger mit elektronischer Musik? Raum denkt einen Moment nach. Ein DJ-Set, sagt er, funktioniert wie ein Spiel: Man fängt ruhig an, liest die Stimmung und entscheidet im Moment. “Ich spiele, was ich fühle.” Aber die Einstellung ist die gleiche, die ihn auf dem Spielfeld antreibt: Präsenz. Reaktionsfähigkeit. Er spielt nicht nach einem Plan, sondern nach dem, was der Moment erfordert. Zum Abschluss der Dreharbeiten beantwortet Raum noch eine letzte Frage: Was würde er zu seinem 16-jährigen Ich sagen? “Bleib dir selbst treu und bleib authentisch.” Dahinter verbirgt sich eine Geschichte von zweieinhalb Jahren, in denen er nicht spielte, von einer Position, die er nicht wollte, von Trainern, auf die er hörte, und von einem Weg, den er nicht geradeaus ging, sondern sich schlängelte - und schließlich doch ankam.
CREDITS
Kreative Produktion NINA MARIA DAHMS, JOHANNA ERDL
Konzeptentwicklung NINA MARIA DAHMS
Kreativdirektion ANTONIA DIPNER
Fotografie-Assistentin SOFIE JAKOB
Beleuchtungsassistent DAVID JÄGER
Styling von ANA-MARIJA KNEZEVIC bei LIGANORD
Styling-Assistentin ANASTASIJA GOGOLEVA
Haare und Make-up THEO SCHNÜRER
mit ARMANI BEAUTY & ORIBE
Produktionsassistent DYLAN DEMTRÖDER
Bühnenbild JOHANNA ERDL
Vollständiger Look MARC O'POLO
Schuhe NIKE