Viviane Sassens surreale Fotografien sind heute faszinierender denn je

Die surrealistische Tendenz in ihrem Werk ist nicht nur durch ihre bewusste Bildausschnittwahl und die Verwendung abstrakter Formen spürbar, sondern auch durch ihre Neigung, Objekte aus ihrem Kontext zu lösen und die Vertrautheit der menschlichen Gestalt zu verzerren und zu verfremden. Körper sind mit pastoser Farbe überzogen, Gliedmaßen werden vervielfacht und Brustwarzen neu positioniert und umfunktioniert – in verwirrenden Neuinterpretationen des Körpers und seiner Teile, die am besten in ihrer jüngsten Serie zu erkennen sind Von Schlamm und Lotus (2017). Auch das Ei – ein Motiv, das bekanntlich in den surrealistischen Werken von Man Ray, Salvador Dalí und Georges Bataille eine Rolle spielt – taucht in Sassens Bildern auf, beispielsweise in Drei Planeten (2017) als eine Form, die zugleich alltäglich und fremdartig ist. Der fantastische Charakter ihrer Arbeit wird durch eine Begleitausstellung sowie der surrealistischen Fotografin Lee Miller im Hepworth. Beide Bildschöpferinnen zeichnen sich durch ihre Fähigkeit zu unerwarteten Kombinationen und einen gezielten Einsatz von Licht und Schatten aus. Für Sassen deuten Schatten in der Tat auf die Komplexität des menschlichen Charakters hin – die dunkle Kehrseite der gepflegten Persönlichkeit. In ihrem gesamten Werk stehen Schatten in scharfem Kontrast zu hell beleuchteten Hintergründen und auffälligen, fluoreszierenden Farben.

Die Fotografin betrachtet ihre Bilder als “fast wie Worte”, und wenn sie neben einem anderen Bild platziert werden, “entsteht eine Art Gedicht”. Oft lassen sich ihre Fotografien als Fragmente einer größeren Geschichte lesen – einer Geschichte, die sich je nach Art der Präsentation der Bilder ständig verändert. Zum Beispiel das Foto Sarg — aus ihrer frühen Serie Flamboya (2004–2008), eine Ode an ihre in Kenia verbrachte Kindheit, zeigt einen Mann, der einen grob geschnitzten Sarg durch eine karge Landschaft trägt. Das Bild verdeutlicht Sassens Fähigkeit, einen Moment einzufangen, der zwar frei von erzählerischen Details ist, aber gerade deshalb umso eindringlicher wirkt.

Sassen beschreibt ihre Herangehensweise an die Fotografie als eine Art “magisches Denken”. Diese Grundhaltung zeigt sich in Heißer Spiegel — Ihr Werk ist intuitiv, vielschichtig und sinnlich. Sassens äußerst originelle Fotografie wird in ein begleitender Ausstellungskatalog herausgegeben von Prestel, der ein Interview mit der Künstlerin sowie einen Essay der Ausstellungskuratorin Eleanor Clayton enthält. Sowohl die Ausstellung als auch der Katalog betonen den jenseitigen, farbenprächtigen und Grenzen sprengenden Charakter ihres Werks. Sassen ist niemals offensichtlich oder vorhersehbar; sie abstrahiert und durchbricht das Alltägliche, um schillernde Bilder zu schaffen, die vor Verspieltheit und Möglichkeiten nur so strotzen.

Viviane Sassen: „Hot Mirror“ ist noch bis zum 7. Oktober im The Hepworth Wakefield zu sehen. Der Ausstellungskatalog ist ab sofort erhältlich bei Prestel