“Ich bin einmal dort vorbeigeflogen und habe an einer Stelle im Weltraum eine Markierung angebracht – absichtlich, um sie zweihundert Millionen Jahre später wiederfinden zu können, wenn wir bei der nächsten Umrundung erneut dort vorbeikommen würden. […] Das Zeichen befand sich genau dort, wo ich es zurückgelassen hatte, um diesen Punkt zu markieren, und zugleich prägte es mich; ich trug es bei mir, es durchdrang mich, es beherrschte mich gänzlich, es stellte sich zwischen mich und alles, womit ich eine Beziehung aufzubauen versuchte. […] Ich hatte es genau deshalb getan, um herauszufinden, wie lange ich brauchen würde, es wiederzufinden, und solange ich es nicht wiedergefunden hätte, würde ich es nicht wissen.”
Ein Zeichen im Raum (Un segno nello spazio) – Le Cosmocomiche, Italo Calvino, 1993.
Obwohl ‘INK’ von Dimitris Papaioannou an der Berliner Festspiele – Die Saison 2023 der darstellenden Künste ist eine Mischung aus Anspielungen auf klassische Mythen (z. B. ‘Saturn verschlingt seinen Sohn’) und zeitgenössischen Metaphern; dabei musste ich mehrmals an die Kurzgeschichte ‘Ein Zeichen im Raum’ aus Italo Calvinos „Le Cosmocomiche“ denken. Wer weiß, ob das beabsichtigt ist?
In Papaioannous Performance werden Raum, Zeit, Licht und zwei Körper perfekt aufeinander abgestimmt in einem Kosmos, der sich entfaltet wie ein Lebendiges Bild. Die Spuren, die die beiden Körper hinterlassen, wechseln sich rhythmisch ab und sind in diesem Universum, das auf der Bühne kurz vor der Explosion steht, so angeordnet, dass eine Symphonie entsteht, die von ständiger Symmetrie geprägt ist.
Diese Spuren, die Papaioannou im Raum hinterlässt, sind stets zu finden; sie prägen die Geschichte wie die Zeiger einer anderen Zeiteinheit. Nicht Sekunden, Minuten oder Stunden, sondern Zeichen in der Zeit. Die Gegenwart wird als räumliche und nicht mehr als zeitliche Dimension verstanden, wie es ihre lateinische Wurzel, pres-ente schlägt vor: auf der Ebene der Entität.
Die Darsteller, definiert als ‘bekleideter Mann’ – Dimitris Papaioannou – und ‘nackter Mann’ – Šuka Horn –, bilden ein farbliches, generationsübergreifendes und sexuelles Yin und Yang. So ausgeglichen sie auch sein mögen, verkörpern sie doch ein eindeutiges Machtverhältnis. Dies ist die Geschichte der Albträume eines Mannes. Von Mutterschaft, erlebt durch den männlichen Körper, mit gewalttätigen, ironischen, homoerotischen und absurden Untertönen. Das nackte Tier ist seinem Dompteur völlig ausgeliefert, abgesehen von einigen wenigen Momenten der Rebellion, die den Rhythmus unterbrechen. Dass ein Sohn zum ersten Mal seine Eltern beleidigt und damit den Zorn von Vater und Mutter auslöst, der während der Hälfte der Vorstellung dunkle, rote Töne annimmt, ist etwas verwirrend.
Wasser ist das zufällige Element, das alles ordnet. Regen, Dampf, See, Schweiß; Wasser – oder auch Tinte – wird durch ein meisterhaftes Lichtspiel von Schatten durchzogen. Je nach Rhythmus der Geschichte wird es zur Luft oder zum Ozean. Es dient dazu, die Bühne und die Handlungen der Darsteller zu reinigen, oder kristallisiert sich zu einer Membran, die die Bühnenflügel umschließt; oder es spiegelt sich jenseits der vierten Wand als Lichtreflex in den Blicken der Zuschauer wider.
In diesem von Papaioannou geschilderten Universum wird jedes Element als Darsteller verstanden. Es gibt keine szenischen Elemente, sondern Körper aus unterschiedlichen Materialien, die sich durch ihre Opazität und Transparenz, ihre Leuchtkraft und ihren Schatten ausdrücken. Wie Tinte, die, wenn sie in einer Flasche eingeschlossen ist, eine unlesbare Präsenz darstellt, auf Papier jedoch eine Geschichte erzählen kann. Tinte ist ein unauslöschliches Material, das man – wie Wachs, Quecksilber oder Lack – unbedingt richtig einsetzen muss, da es sonst nach hinten losgehen und einen unauslöschlichen Eindruck eines Fehlers hinterlassen könnte. So wie die Handlungen eines Vaters gegenüber seinem Sohn oder die eines Mannes, der Spuren im Universum hinterlässt, um messbare Abstände zwischen sich selbst und der ihn umgebenden Leere zu schaffen.