
Die von Dirk Snauwaert kuratierte Ausstellung “Flagrant Delight”, die im Culturgest in Lissabon zu sehen ist, bietet einen Einblick in das facettenreiche Werk von Rosemarie Trockel – aber man wage es ja nicht, sie als Retrospektive zu bezeichnen! Anfang der 1980er Jahre schlug Trockel eine Alternative zum starren Formalismus und zur expressiven Malerei vor, die damals das künstlerische Umfeld dominierten. Auch heute noch basieren die Grundprinzipien ihrer Praxis auf den Begriffen der Freiheit und der Überwindung der Grenzen des Akademismus, konventioneller Assoziationen und des Sprachverständnisses sowie avantgardistischer Formen und Symbole. Und dies erstreckt sich auch auf die Ablehnung des Konzepts einer Retrospektive – ein Rückzug, der ganz im Einklang mit ihrem Anspruch steht, dass sie schon immer mehr “Interesse an inneren Widersprüchen und Inkohärenz” gehabt habe.
Die Idee einer allumfassenden Retrospektive steht in der Tat im Widerspruch zu Trockels Vorliebe für “Unvollständigkeit”, “Undurchsichtigkeit” sowie eine offene und unsystematische ästhetische Sprache und Praxis. Ihre metaphorische und assoziative Arbeitsweise bildet die Grundlage für die poetische Bildsprache, für die sie selbst eintritt.
Die Ausstellung findet zeitgleich mit einer weiteren Ausstellung der deutschen Künstlerin im New Museum in New York statt. Unter dem Titel “Rosemarie Trockel: A Cosmos” präsentiert die New Yorker Ausstellung ein imaginäres Universum, in dem Trockels eigene Kunstwerke aus den letzten dreißig Jahren Objekten und Artefakten aus verschiedenen Epochen und Kulturen gegenübergestellt werden, die viele ihrer künstlerischen Interessen widerspiegeln.
Trockels feministischer Ansatz zielt darauf ab, die Vorstellung von einer transparenten, rationalen und nahtlosen Realität zu untergraben, der sie Undurchsichtigkeit, Ineffizienz, Fehler, Unordnung, Desorganisation, Unklarheit und Komplexität entgegenstellt – ein Aspekt, den beide Ausstellungen hervorheben. Trockel hat “Flagrant Delight” nach Medien gegliedert: Skulpturen, Collagen, Keramik und Textilien (Wollbilder). Dieser scheinbar kategorische Ansatz wird jedoch zu einer vielfältigen und freien Bestandsaufnahme der Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Medien; tatsächlich wird selbst der geringste Anflug einer Kategorisierung auf Schritt und Tritt vereitelt.
Die Ausstellungen sind ein Bindeglied, eine Geste, die auf die mögliche Entstehung neuer Beziehungen hindeutet. Und genau so, in ähnlicher Weise, kann und sollte auch diese Retrospektive interpretiert werden.
“Flagrant Delight” wird in Zusammenarbeit zwischen dem WIELS Contemporary Art Centre in Brüssel, Culturgest in Lissabon und dem Museion in Bozen veranstaltet.
Culturgest
Bis zum 6. Januar 2013
und
“Rosemarie Trockel: Ein Kosmos”
New Museum, New York
Bis zum 20. Januar 2013